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Bergbau in Wittgenstein

Von Fritz Krämer

In einer Schenkungs-Urkunde (802/830) zugunsten des Klosters Fulda wird betont, daß bei Hesselbach Blei gegraben wird. Siegerländer Bergbau und Eisengewinnung waren schon rund 1300 Jahre alt, als diese Urkunde von Mönchshand geschrieben wurde.

Dann müssen wieder Jahrhunderte vergehen, bis eine andere den nächsten Hinweis gibt: 1450 belehnt Graf Georg zu Sayn-Wittgenstein drei Männer aus dem Dillenburgischen auf 12 Jahre mit einer Waldschmiede samt Hofstatt Auf der Banfe unter dem Kalkberge. 13 Jahre später regelt ein neuer Vertrag die Kohlenlieferung an die Hütte unter dem Kalkberge. Waldschmiede ließen sich da nieder, wo Erz und Kohle in unmittelbarer Nähe lagen.

1538 erwähnt Wrede eine Waldschmiede auf der Oelspe , ohne ihre Lage bestimmen zu können. Aus 1562 liegen Nachrichten vor über Privilegien für die Blei- und Silbergrube Gonderbach, 1619 und 1623 folgen weitere Berichte über diese Grube: Hessische Bergleute erbitten Unterstützung durch Zuweisung von Holz und Steinen.

Untertage, Agricola, 1546 "Vom Bergkwerck"

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1571 und später verhandelt der Landesherr mit Ludwig Rodgandt (auch Rothandt) aus Marburg, Tilmann Limburgk und Thomas Busch aus Willingen über die Anlage eines hohen Schmelzofens „Vor der Dudenösse" und eines Eisenhammers „uff dem Wasser der Balthe". Der Belehnungsurkunde von 1575 entnehmen wir, daß die Belehnten überall in Wittgenstein Eisenstein graben und nur Wittgensteiner Erze verarbeiten dürfen.

Noch heute zeigen sich Spuren von ehemaligem Bergbau am Homberg und am Wirtchesrain. Im Jahre 1611 wird an der „Bilsborgk und anderen Orten" Eisenerz für die „Wingeshäuser Hütte" gegraben.

1676 verpachtet Graf Georg Wilhelm von Wittgenstein-Berleburg dem Grafen Gustav von Wittgenstein-Hohenstein. Bergwerke am Lichtenberg und an der Hölle bei Diedenshausen. Nach zwei Jahren Abgabefreiheit und freier Holzlieferung verspricht der Pächter, jährlich zweimal 200 Rthlr. Pacht zu zahlen.

Alte Fahrkunst, Agricola 1546 "Vom Bergkwerck"

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1711 haben 11 Männer aus Wingeshausen eine Bergwerkskompagnie gebildet, schon mit Erfolg gegraben und bitten den Grafen Casimir um Unterstützung beim Bau einer Schmelzhütte.

Was hoffte man im Schoß der Wittgensteiner Erde an Erzen zu finden? Hören wir zunächst zwei Fachleute. Der Gräfl. Waldecksche Bergverwalter Mühlen, z. Zt. Hauptmeister in dem Berleburger Kupferbergwerk, schreibt 1712 gutachtlich:

„. . . tue hiermit den Gewerken kund und zu wissen, daß im Revier Berleburg auf Wz Stunden Weges an 3 Orten dergleichen Erzgänge wie im Harz und Freyberg/ Sachsen recht gute bergmännische Bergart auf
Kupfer und Bleierz zielend, auf Silber und Schwefel. . .".

1733 stellte ein Siegener Rutengänger in der südlichen Grafschaft 24 Kupfer-und Bleigänge fest. Nehmen wir das Rotgüldigerz von Gonderbach noch dazu, das außer Silber Antimon, Arsen und Schwefel enthält, so hätten wir mit Blei, Kupfer und Eisen (Brauneisenstein und Roteisenstein = Hämatit) eine Reihe wertvoller Bodenschätze. Wie stark der Glaube an den Erzreichtum unseres heimatlichen Bodens gewesen ist, erkennen wir aus Mutungen auf Eisen, Mangan, Kupfer, Schwefelkies, Blei, Silber und gar auf Gold (Berghausen, Diedenshausen Flur II, Parz. 235 — vor der Zusammenlegung), die noch 1912 eingelegt wurden.

Die Ausbeute blieb so gering, daß sich eine bodenständige Industrie nicht entwickeln konnte. Die Wittgensteiner Bergbaubetriebe waren immer sehr klein. Nur Grube Gonderbach hat einige Dutzend Leute beschäftigt, sonst mögen es oft nur 2—10 Männer gewesen sein. Man arbeitete im Tagebau, kannte aber auch schon Stollen und Schächte. Die gewonnenen Erze und den Abraum fuhr man auf der Bergkarre aus dem Stollen oder holte sie mit Eimern aus dem Schacht. Pulver wurde schon zum Sprengen verwendet. Das Bergregal hatten die Wittgensteiner Grafen 1566 von Kaiser Ferdinand erhalten.

Im 18. Jahrhundert kam es dann zur Bildung von Gewerken, oft ohne, aber auch mit Beteiligung des Landesherrn (s, Diedenshausen). Eine andere Form der Unternehmungen war die Belehnung einzelner Personen, oder Personengruppen.

1776 belehnte Graf Johann Ludwig die Gebrüder von Eschen mit sämtlichen Bergwerken der Grafschaft Wittgenstein. Es wurde ihnen freie Hand gelassen, den Betrieb der Bergwerke nach ihrem besten Willen und Gefallen zu gestalten. Da diese Belehnungen oft zum Raubbau führten und damit den Gruben und Interessen des Landes schadeten, entwickelte sich eine schwache Form landesherrlicher Aufsicht.

Schlägel, Agricola 1546 "Vom Bergkwerck"

Um 1800 gewährte man in der südlichen Grafschaft völlige Bergbaufreiheit. Mit einem Mutzettel konnte jeder Bergbau betreiben und sein Glück, unbelastet durch Abgaben, versuchen und damit des Landes Nutzen fördern. Das 19. Jahrh. brachte den Wittgensteiner Bergbau zum Erliegen, nur die Grube Gonderbach hielt sich bis ins 20. hinein.

Bessere Transportmöglichkeiten ließen die Einfuhr fremder und ergiebiger Erze zu, die Holzkohle wurde durch Kohle, später durch Koks ersetzt, Eisenverhüttung und Eisenverarbeitung begannen Schwerpunkte zu bilden. Die vielen Fundgruben und ihre Stollen brachen zusammen und wurden vergessen. Doch erlosch der Glaube an das Vorhandensein von Bodenschätzen in unserer Heimat nie ganz.

Auswärtige Köhler waren im 16. Jahrhundert die Lehrmeister der Wittgensteiner; aus dem Sieg- und Dillgebiet, dem Harz, aus Sachsen, Böhmen, aus Waldeck und Hessen kamen die ersten Bergleute. Sie brachten ihr Können mit und pochten mit Stolz auf Rechte, die ihr Stand, in allen Ländern des Heiligen Römischen Reiches genoß. Sie betonten, „daß sie sich exponieren alle Zeit zum Besten des Publiko und deshalb alle Rechte genießen, die nicht wider das Gewissen und die Liebe des Nächsten verstoßen". Und diese Rechte wurden ihnen immer wieder garantiert.

Sie blieben unbelastet von Steuern, Fron- und anderen Diensten und genossen mancherlei „Freiheiten". Ihre Lebensmittel durften sie zollfrei einführen. Oft beschwerten sie sich, daß Korn und Getränke immer teurer würden, die Müller begingen nach ihrer Meinung Sünden, weil sie das Mehl so teuer verkauften. Sie wollten vom Mühlenzwang befreit sein und dort mahlen lassen, wo ein Müller noch ein Gewissen hatte. Nicht alle sind fromme Bergleute gewesen. Es ist oft genug die Rede von faulen und liederlichen, die zur Arbeit untüchtig und mit Hinterlassung von Zechschulden bei Nacht und Nebel Wittgenstein verließen.

Viele sind wieder abgezogen, das Glück anderwärts zu suchen. Andere sind geblieben, im südlichen Kreis mehr als im nördlichen. Auch das ist ein Zeichen dafür, daß dort die Verhältnisse wesentlich günstiger lagen und den Bergmannsfamilien doch einen auskömmlichen Lebensunterhalt gewährten. So gehören diese Familiennamen mit den Flurnamen, den verlassenen Halden, zusammengebrochenen Stollen zu dem wenigen, das uns noch heute an den Wittgensteiner Erzbergbau erinnert.

Quelle:

Krämer, Fritz

Industrielle Versuche und Unternehmungen in Wittgenstein bis zum Beginn
des 19. Jahrhunderts
WHB I/S. 451-497

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